Bootfahren für Rollstuhlfahrer
Eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen am Golf von Mexiko ist das Bootfahren. Dank Julius Wellenreiters "Paradise Boatrentals" ist das auch für Rollstuhlfahrer(innen) möglich. Sein Stützpunkt liegt am Bikini Court, direkt an der Cape Coral Bridge, auf dem Weg von Cape Coral nach Fort Myers, südlich des Cape Coral Parkways.
Ich, Bodo Hartwig, inkompletter Tetraplegiker, 54 Jahre alt und 100 Kilogramm schwer, gelange über die Wiese neben seinem Haus zum Steg, dort heben mich Julius und sein Assistent Skip runter zum Boot. Wir haben mittlerweile schon Routine beim Transfer vom Rollstuhl ins Boot, so dass ich nach kurzer Zeit am Steuer der "Hurricane", einem Gleiter mit Außenbordmotor, sitze. Während meine Frau Gabi im Büro den Mietvertrag unterzeichnet, erhalte ich die Einweisung und überprüfe die Vollständigkeit des Zubehörs. Da ich unterwegs nicht aussteige, "parkt" Skip meinen Rolli im Haus.
Leinen los, einen Schubs von Skip, und auf gehts. Halt! Bloß nicht das Eincremen mit hohem Sonnenschutzfaktor vergessen. Auf dem Wasser empfindet man es durch den Fahrtwind als sehr angenehm, aber die Sonne hat es in sich! Wir verlassen den Kanal und fahren steuerbord (rechts) auf dem Caloosahatchee River flussabwärts zum Tanken. Unsere Lieblingstankstelle liegt am neuerbauten Cape Harbour. Da die See etwas unruhig ist, beschließe ich, danach wieder zurückzufahren und am Marker (vergleichbar mit Tonnen) Rot 86 backbord (links) durch den Bimini Canal, bzw. San Carlos Canal, bis zu unserem Haus zu fahren. Auf den Kanälen darf ein Boot keine Wellen verursachen, also geht es gemütlich mit langsamer Geschwindigkeit an den prächtigen Villen und Booten vorbei Richtung Norden.
Man sollte sich grundsätzlich an die Geschwindigkeitsschilder auf dem Wasser halten, denn die Wasserschutzpolizei ist mit ihren Booten überall präsent, und die Strafen für zu schnelles Fahren auf den Kanälen oder in den Manatee-Schutzgebieten sollen sehr hoch sein.
Nachdem wir auf der Höhe unseres Zuhauses angekommen sind, geht es denselben Weg zurück bis zum Fluss. Jetzt fahre ich weiter flussaufwärts an Fort Myers vorbei und lasse den starken Bootsverkehr hinter uns. Die Landschaft verändert sich, und es wird sehr ruhig. An einer Untiefe vorbei passieren wir eine hochgezogene Eisenbahnbrücke und unterqueren danach den Highway. Jetzt trifft man höchstens noch ein paar Angler. Häuser tauchen erst wieder kurz vor der ersten Schleuse auf. Vor der Schleuse drehen wir um, stellen die Geschwindigkeit auf langsame Fahrt und holen unsere Sandwiches und Getränke aus der zum Boot gehörigen Kühlbox. Auf diesem Flussabschnitt trainieren ab und zu Rennboote, die man zuerst hört, dann sieht, und schon sind sie wieder verschwunden.
Natürlich ist diese Strecke nicht so aufregend wie die Ausflugziele Ft. Myers Beach oder Sanibel Island. Selbst unsere amerikanischen Freunde sind noch nie flussaufwärts gefahren und staunen immer, wenn ich davon erzähle. Ich bevorzuge die Strecke zum Gewöhnen an das Bootfahren, oder wenn es sehr windig und das Wasser auf dem Meer kabbeliger ist. Man kann den Caloosahatchee River hinauf bis zum Lake Okeechobee, dem Süßwasserreservoir Floridas, und dann weiter über einen Kanal bis zum Atlantik fahren.
Am nächsten Tag heißt das Ziel "Cabbage Key", ein Ausflugziel nördlich von Captiva Island, das nur per Boot zu erreichen ist. Also geht es nach dem Tanken ein kurzes Stück flussabwärts, vorbei an einer kleinen Insel, bis zum Marker 101. Hier entscheide ich mich für die Fahrt über den Golf, also biege ich backbord ab und nehme Kurs auf die große Brücke, die das Festland mit Sanibel Island verbindet. Auf den Poldern unter Brücke sitzen wie immer Pelikane und lauern auf Beute. Jetzt fahren wir am Leuchtturm von Sanibel vorbei entlang den Stränden, die in den USA zu den schönsten gehören.
Zwischen Cayo Costa und der nördlichen Spitze von Captiva Island passieren wir den Captiva Pass und biegen backbord ab auf dem Intracoastal Waterway (ICW). Nach etwa 30 Minuten haben wir unser Ziel erreicht: Cabbage Key. In der Hochsaison ist hier kaum ein Anlegeplatz zu bekommen. Ich bleibe wie immer im Boot, und Gabi besorgt uns im Restaurant, das auf einer kleinen Anhöhe liegt, Shrimp-Cocktails und Getränke. Das Restaurant hat eine sehr originelle Tapete. Der Überlieferung nach soll ein Fischer beim Herausgehen einen Dollarschein mit den Worten "für das kalte Bier beim nächsten Mal" an die Wand geklebt haben. Er fand so viele Nachahmer, dass nach Aussagen des Wirtes mittlerweile etwa 200.000 Dollar in Eindollar-Scheinen an den Wänden hängen sollen. Gabi hat noch nicht nachgezählt.
Auf dem Rückweg bleiben wir auf dem ICW zwischen Pine und Sanibel Island. Jetzt begleiten uns auch Delfine. Sie liefern sich ein Wettrennen mit uns und gewinnen natürlich. Morgen werden wir viele von ihren Artgenossen sehen. Dann lautet die Reiseroute: Rund um Estero (Fort Myers Beach).
Heute Morgen haben wir Glück. Bei der Einfahrt zur Tankstelle sehen wir eine Manatee-Familie. Manatees sind Seekühe. Wir machen die entgegenkommenden Boote auf die Tiere aufmerksam. Alle fahren vorsichtig um die schwerfälligen Manatees herum, um sie nicht zu verletzen.
Die Tour rund um Estero Island ist beim ersten Stück die gleiche wie am Vortag. Hinter der Brücke von Sanibel Island halten wir uns jedoch backbord und geben Vollgas. Vorbei am Pier, dem Wahrzeichen von Fort Myers Beach, entlang eines kilometerlangen Sandstrands fahren wir bis zur Südspitze der Insel. Jede Menge Jet Boats toben hier herum. Auch das Parasailing-Boot ist schon unterwegs. Wir winken der Crew zu. Sie kennt uns vom letzten Jahr, als ich beim Parasailing dabei war.
Am Ende der Insel passieren wir den Big Carlos Pass, den Kanal zwischen Estero und Lovers Key. Ab jetzt haben wir ständige Begleitung durch die Delfine. Sie schwimmen gerne direkt hinter der Schraube, als ob es ihren Bauch kitzelt. Die Fahrt geht auf der Rückseite von Estero nordwärts Richtung Hafen von Ft. Myers Beach. Backbord stehen wieder Villen mit den gehörigen Booten und Schiffen. An einer Bootswerft sehen wir, wie Boote in der dritten Etage mit riesigen Gabelstaplern ein geparkt werden. Die Steuerbordseite ist unberührte Natur. Nun erreichen wir am Anfang des Hafens linkerhand "Parrot Key". Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Hier gibt es meiner Meinung nach die besten Riesenshrimps. Kein Wunder, der Grill liegt direkt neben den Liegeplätzen der Fischfangflotte von Ft. Myers Beach.
Wir werden an einem Anlegeplatz eingewiesen, und Gabi holt wieder den Imbiss und Getränke. Herz, was willst du mehr! Die Sonne scheint, und wir genießen unsere Shrimps und als Dessert einen Cocktail. Ich nehme mir für das nächste Jahr vor, den Rolli mitzunehmen. Der Höhenunterschied von der Bordwand zum Steg ist nicht sehr hoch, und mit den hilfsbereiten Mitarbeitern des Grills müsste das klappen. Alles andere ist sowieso rollstuhlgerecht, inklusive Toilette.
So, nach dieser Mittagspause geht es durch den Hafen vorbei am "Key West Express", einem Tragflächenboot (ohne Behindertentoilette), das in dreieinhalb Stunden Key West erreicht, vorbei an der "Coast-Guard"-Station, Richtung "Heimathafen".
Diese drei Tage waren wieder super. Wir sind in der Regel sechs bis sieben Stunden mit dem Boot unterwegs gewesen.
Einen Bootsführerschein braucht man in Florida nicht. Auch die Einweisung von Julius, unserem Bootsvermieter, ist super, aber ein wenig Kenntnis rund um das Bootsfahren ist sehr hilfreich. Deshalb möchte ich es nicht versäumen, Christoph Ellerich, meinem Bootfahrlehrer, zu danken. Er hat mir die Grundlagen auf dem Hausboot von Rolli-Tours in Rheinsberg beigebracht und mich zum Binnenführerschein geführt.
Für Fragen rund um die USA stehen wir gerne zur Verfügung:
Tel.: (0231) 494 81 20
E-Mail: gabrielehartwig@hartwigkurier.de
Bootsvermietung "Paradise Boatrentals" (Julius Wellenreiter)
Bericht und Fotos: Bodo Hartwig



















